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Spielwiese für Nachdenkliche:
Nachgefragt ... Nachgehakt ...

Ausführliches zu Spielwiese für Nachdenkliche

Das Problem

Meinung


Was passiert, wenn in dem Konstrukt des semantischen Gebrauchs der Informationsträger ausgetauscht wird? Ergibt sich wie bei einem Schachspiel dasselbe Spiel, weil die Regeln für die Figuren nicht von den Figuren, sondern von deren Stellung auf dem Brett abhängen? Oder ergibt sich ein neues Sprachspiel, weil die Figuren selbst neuen Regeln unterworfen sind?

Der Informationsträger der Lautsprache ist modellierter Schall - also Luft. Der Informationsträger der Gebärdensprache sind Bewegungen - also der Raum. Ist die Gebärdensprache eine unbeholfene Abbildung der Lautsprache oder entsteht mit dem Wechsel des Informationsträgers ein eigentständiger semantischer Gebrauch? Sicherlich verweist die Gebärdensprache auf dieselbe Realität - aber kann auch derselbe Sinn durch sie ausgedrückt werden?

Das kommt auf die mitteilende Funktion des semantischen Gebrauchs an.

In den einführenden Schriften zur Gebärdensprache finden sich eins-zu-eins Gegenüberstellungen von Laut- und Gebärdensprache. Vokabel-lernen eben. Weiterführende Untersuchungen beschäftigen sich mit der körperlichen Ausführung der Gebärdensprache.

Nur der Pantomime beschäftigt sich mit dem Ausdruck, dem Sinn, der Mitteilung. Aber der widerum benutzt keine Gebärdensprache, sondern Körpersprache.

Die positivistische Position sagt: Lautsprache ist flexibler als Gebärdensprache. Sie sollte daher als Standard für die Realtätsbeschreibung gelten, denn sie bildet Realität präziser ab. - Die konstruktivistische Position sagt: Der semantische Gebrauch konstruiert ein eigenes Sinnwerk, aus dem heraus auf die Realität verwiesen wird. Die Metapherntheorie sagt, vorsprachliche Prozesse wirken erkenntnisfördernd.

Ich behaupte, dass die Gebärdensprache offensichtlichere Metaphern enthält als die Lautsprache. Die Lautsprache muss Metaphern im Gedächtnis aktivieren, während die Gebärdensprache teilweise Metaphern darstellt. Erkenntnistheoretisch läßt sich daraus nichts weiter ableiten, als dass die Lautsprache keinen primären Zugriff auf Erkenntnis hat. Der Mensch mit seinen Lern- und Denkprozessen ist nicht in seiner Sprache gefangen.


Literatur :
Denkprozesse ohne Sprache - Hans G. Furth - Düsseldorf 1972
Zur Struktur der deutschen Gebärdensprache - Claudia Becker - Trier 1997